Teil 1: Jugend in Österreich

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Br. David wurde als Franz Kuno Steindl-Rast am 12. Juli 1926 in Wien geboren. Hinweise auf seine sich  später entfaltende Bestimmung, die reich auf den Ruf eines „sich zu entwickelnden Bewusstseins“ antwortet, geben die Eigenschaften, welche er von seinen Grosseltern, insbesondere seiner Grossmutter, erbte: Herz und Mut. Ebenso  bemerkenswert war seine Mutter, welche von Franz und seinen Brüdern liebevoll als „Die Löwenmutter“ bezeichnet wurde. In all den tragischen und chaotischen Tagen während und nach dem Krieg war sie für viele ein Turm der Stärke. Allein schon, dass es ihr gelang, überhaupt etwas auf den Tisch zu bringen, war pure Zauberei.

Es ist kein Wunder, dass Br. David, der mit solch starken und beherzten  Frauen aufwuchs, später schreiben konnte: „Wenn ich von Frauen spreche, die ihre Stärke zurückgewinnen, möchte ich betonen, dass es ihre Stärke ist, denn ich bin überzeugt, dass der eigentliche Begriff der weiblichen Stärke sich unterscheidet von der Stärke der Männer. Weibliche Stärke ist die Stärke, neues Leben und Wachstum zu fördern. Wenn mehr Leute verstehen würden, wie diese Leben spendende Stärke sich von der Macht über andere unterscheidet, würde die Welt ein friedlicherer, gesünderer, auch ein geistig gesünderer Ort sein.“ (Br. David zum Buch „Women, Wisdom and Dreams“ von Anne Scottt.)

Zu seiner Familiengeschichte berichtet Br. David weiter:  „Mein Grossvater mütterlicherseits war Offizier in der österreichischen Armee und starb in den ersten Wochen des I. Weltkriegs. Seine Frau, meine Grossmutter, war eine äusserst aktive Frau. Sie war die erste Frau, die am österreichischen Rundfunk sprach und sie gründete ein Hilfswerk, das Kriegswaisen und hungernden Kindern einen Aufenthalt in neutralen Ländern ermöglichte, vor allem in Holland und Schweden.

Nach dem I. Weltkrieg arbeitete sie daran unter der Schirmherrschaft des Wiener Kardinals weiter und reiste nach Amerika, um Geld zu sammeln. Als Kardinal Gibbons herausfand, dass sie deshalb ihre Tochter, meine Mutter, in der Obhut meiner Urgrossmutter zurück lassen musste, verhalf er meiner Mutter zu einem Stipendium für Notre Dame in Baltimore. Während meiner ganzen Kindheit lebte meine Grossmutter jeweils die Hälfte des Jahres in Amerika. So bestand bereits eine Beziehung meiner Familie zu Amerika, als Hitler nach Österreich kam.

Unmittelbar nach dem Krieg gingen meine zwei Brüder nach Amerika und meine Mutter folgte ihnen wenig später. Auch ich reiste in dieser Zeit zweimal in die Staaten: das erste Mal 1948 zu einem internationalen Kongress in River Forest (Jllinois) als Delegierter der „Jungen christlichen Studenten“ .Das zweite Mal, 1950 oder 1951, begleitete ich die Wiener Sängerknaben als Präfekt auf ihrer Tournee durch die Vereinigten Staaten. Danach blieb ich noch eine Weile in Palm Beach als Präfekt des „Apollo Boys Choir“, wo ich an Studien für meine Doktorarbeit über den Ausdruck der Stimme arbeiten konnte. Ich lebte jedoch bis zu meiner Promotion 1952 in Wien. Erst dann folgte ich meiner Familie nach New York, zum Teil, weil ich vor meiner monastischen Berufung davon rannte, aber eigentlich  geradewegs in ihre Arme hinein rannte, als ich im Mai 1953 das Kloster Mount Saviour besuchte und hier am 20. August desselben Jahres eintrat.“

Als Franz sieben war, trennten sich seine Eltern. Seine Mutter übersiedelte mit seinen jüngeren Brüdern Hans und Max von Wien in ein Dorf in den Alpen. Franz, der bereits zur Schule ging, sollte bei seinem Vater bleiben. Doch sein Vater, ziemlich überfordert von dieser Aufgabe, steckte ihn in ein Internat. Als die Mutter von seinen Qualen in dieser Schule hörte, „entführte“ sie ihn und nahm ihn heim zu seinen Brüdern ins Dorf. Sie heiratete eines Tages wieder und lebte mit dem Stiefvater ihrer Kinder 50 Jahre zusammen, obwohl diese Heirat damals wegen den Kirchengesetzen nicht offiziell war.

Die ganze Jugendzeit verbrachte Franz unter den Nazis. Er war 12 als Hitler in Österreich einmarschierte und 19 als die Besetzung zu Ende war. Als Br. David von Michael Toms in einem Radiointerview gefragt wurde, ob diese Erfahrung seiner Jugend in einem besetzten Land etwas zu tun hätte mit seiner Neigung zu einem kontemplativen oder spirituellen Leben, bejahte er dies und  erklärte: „Weil Hitler wirklich die Kirche verfolgte… einige unserer Priester und Pfarrer waren im Gefängnis und einige wurden sogar hingerichtet. Wir wussten dies… und auch, dass wir in einer gewissen Gefahr waren, wenn wir zur Kirche gingen… Doch diese Gefahr fanden wir als Teenager auch spannend… es führte uns auch immer tiefer in eine Hingabe an den Glauben und an die Kirche.

Mit all den Problemen, die ich heute in der Kirche antreffe, damals in den Vierziger Jahren, da war das wirkliche Leben. Es war das Einzige, worauf man sich verlassen konnte. Ich erinnere mich zum Beispiel, während den Bombardierungen von Wien, als alles in Trümmern lag, das Haus, die Räume, in denen wir wohnten, hatten mit Bretter vernagelte Fenster, weil es kein Gas mehr gab und die Wände hatten fingerdicke Risse und so weiter, und es gab keine Züge mehr und keine Strassenbahnen, und am Ende gab es kein Wasser, keine Elektrizität mehr… Das Einzige, worauf man sich verlassen konnte, war der Priester, der jeden Tag zur genau gleichen Zeit kommen würde, um die Kommunion zu bringen und der durch diese zerstörten Häuser ging. Das bedeutete etwas. Und es bedeutet mir immer noch etwas… bei all den Problemen, die ich mit der Institution habe… Da zeigte sich die Institution von ihrer besten Seite.“

Als ich Br. David fragte, ob sein Glaube „ein Ausdruck von Patriotismus“ gewesen war, der aus der Entrüstung über sein angegriffenes Zuhause entstanden wäre, antwortete er: „Da gab es einen guten Stolz Österreicher zu sein, lieber als Deutscher, und es gab stehende Ovationen für Österreich in patriotischen Schauspielen wie z.B. von Franz Grillparzer, welche die Nazis im Burgtheater erlaubten als ein weises Mittel, auf harmlose Art Dampf abzulassen. Doch … unsere Glaubensüberzeugung ging viel tiefer und ich verdanke sie hauptsächlich dieser wunderbaren Schule in Wien, die Neulandschule , welche von katholischen Laien geführt wurde. Natürlich gab auch das Bewusstsein, etwas Rebellisches gegen das verhasste Regime zu tun, unserem Glauben eine zusätzliche Würze.“

Die erste Liebe und das Hauptinteresse im Leben von Franz galt der Kunst. Tatsächlich „begann ich als Künstler“ wie er mir in einer e-Mail berichtete. Sein Vater und mehrere Onkel waren Kunstsammler und „wir hatten oft zuhause viele hungrige Künstler am Tisch. Als ich fünf oder sechs war, wollte ich Landschaftsmaler werden. Während meiner ganzen Jugend zeichnete ich immer. Mein Interesse galt klar dem Strich, weniger der Farbe.“ Bevor er eingezogen wurde, ging dieses Interesse an der Kunst während des Krieges weiter, ermutigt von seiner Freundin Uta Gürth, die bei Karl Sterrer an der Wiener Kunstakademie studierte. „Ich bestand die Aufnahmeprüfung und wurde Sterrers Schüler. Er hatte eine kleine Klasse von sechs oder acht Studenten nach dem Vorbild von mittelalterlichen Meisterklassen, und man kannte uns als eine Widerstandszelle gegen die Nazis.“

Br. David army

Eines Tages wurde Franz in die Armee eingezogen, wurde aber glücklicherweise nie an die Front gesandt: „Wie das geschah, weiss ich nicht. Ich hatte wirklich einen grossen Schutzengel, und nach einigen, eher mehreren Monaten – ich war dort von Mai 1944 bis Februar 1945 – haute ich ab und meine Mutter versteckte mich und zwei weitere zuhause. Es war sehr mutig von ihr. Von Februar bis April waren wir hier versteckt.“ (Diese und die folgenden Abschnitte stammen aus Br. David’s unveröffentlichten Erinnerungen an den II.Weltkrieg.)

Von seiner Zeit in der Armee spricht er heute als „eine beinahe klösterliche Erfahrung“: „Die Stunden des Drills beim Marschieren bedeuteten ebenso viele Stunden, das Jesusgebet zu beten und ich war dankbar für diese Zeit des ungestörten Gebets. Nichts in diesem Barackenalltag konnte mein Interesse genügend wecken, um meinen Geist vom Gebet abzulenken.“

Diese Übung war sicher ein Wegweiser auf der unsichtbaren Landkarte seines Lebens, hindeutend auf das, was voraus lag und doch zum grössten Teil noch so unbestimmt war. Vielleicht trug die Disziplin, der er in der Armee begegnete, auch zu seiner späteren Überzeugung bei, dass es unsere christliche Pflicht ist, Autorität in Frage zu stellen. Tatsächlich begleitete ihn diese Lektion des Kriegs – immer zu fragen „Wer sagte das und warum?“ – durch sein ganzes Leben. Er erinnert sich:

„Unsere Truppe war das 86. Regiment, eine Einheit von Pionieren, die Heeresabteilung der Ingenieure. An diese Nummer erinnere ich mich, weil eine der Demütigungen, der wir uns unterziehen mussten, wenn wir Fehler machten, darin bestand: wir mussten auf unseren Spind klettern, uns im schmalen Raum zwischen dem Spind und der Decke zusammenkauern und 86 Mal brüllen „Ich bin ein kleiner, hässlicher Zwerg!“ Im Grossen und Ganzen jedoch war meine Zeit in Krems voll Dankbarkeit, dass ich noch nicht tot war – ein Geschenk, das jeden Tag, wo man nicht „über Bord ging“, überraschenderweise  erneuert wurde.“ Vielleicht können wir in dieser Bemerkung von Br. David auch eine erste Andeutung auf seine späteren Schwerpunkte Dankbarkeit und Staunen erkennen.

Nachdem der Krieg offiziell beendet war, aber noch bevor wieder Normalität in das Leben in Wien eingekehrt war, begann Franz an der tschechischen Grenze, etwa 50 km nördlich von Wien, Flüchtlingen zu helfen. Während eines Besuches bei seinem Onkel Hans erfuhr er, dass Kardinal Innitzer, Erzbischof von Wien, junge Menschen aufrief, als Freiwillige den Tausenden von Flüchtlingen zu helfen, die in der Gegend von Laa nach Österreich strömten. Das Elend muss herzzerreissend gewesen sein. In seinen Erinnerungen an diese Zeit notierte Br. David:

„Unter diesen Umständen war es keine weit hergeholte Idee, dass einzig tätige Liebe Ordnung in dieses Chaos bringen konnte. Das war für uns nicht bloss Theorie. Es war überaus sinnvoll, unseren Griechischunterricht als Antwort auf den Ruf des Kardinals zu unterbrechen. Für dieses Unterfangen gab es noch keine strukturierte Organisation. Wir mussten sie fortlaufend aufbauen… Wir beschlossen, in Gruppen von zwei oder drei aufzubrechen, zuerst nur Männer, und nach Norden zu marschieren und nachzuschauen, was wir vorfinden würden… und wie wir vielleicht helfen könnten.  Wenn ich daran zurück denke, erstaunt es mich noch immer, wie völlig unorganisiert und unstrukturiert dieses Vorhaben war. Aber damals hielten wir es für selbstverständlich.“

In einem später aufgefundenen Tagebuch schreibt die junge Annemarie Heidinger, welche über die Grenze der ehemaligen Tschechoslowakei geflüchtet war: „5. Juni 1945: Am Strassenrand standen alte Leute, nahe an einem Kollaps, weil ihnen die Kraft zum Weiterleben fehlte. Niemand war da, um sich um sie zu kümmern. Sie starben einfach und wurden da liegen gelassen. Hat sie niemand begraben? Wie viele Skelette würden die Bauern wohl später beim Pflügen ihrer Felder finden? Da ein Arm, dort ein Schuh, dort ein zerbrochener Schädel…

Wir waren aufs Betteln angewiesen. Auf einer solchen Betteltour konnte ich von Glück reden, wenn ich einige Stücke Brot und ein wenig Milch für meine Mutter bekam…

Ihr müsst euch einmal vorstellen: die Strasse … gesäumt von zerstörten Panzern, zerbombten Häusern, verfaulenden Pferdeleibern und Gräbern… nur knapp mit Erde bedeckt… Immer und immer wieder wenn mich der Mut verliess oder wenn etwas schrecklich Erschütterndes geschah, nahm mich jemand bei der Hand. Seltsam wie ich dann neuen Mut und Kraft bekam. Dieses Mal war es ein junger Student, Franz Kuno von Steindl-Rast. Innerhalb der Katholischen Jugend war er zuständig für das Flüchtlingslager in Wolkersdorf. Ich weiss nicht mehr, wie viele hundert Menschen dort waren. Aber ihm gelang es, alle diese entmutigten und verzweifelten Menschen zu trösten und zu stärken. Manchmal denke ich an das Brotwunder, weil plötzlich alle genährt und satt waren. Und er liess uns zaghaft irgendwie an die Zukunft glauben.

Langsam ging die Zahl der Menschen im Lager zurück. Es wurde leichter, sich um die Zurückgebliebenen zu kümmern. Und jetzt vollbrachte Franz Kuno wahre Wunder. Ich war natürlich äusserst glücklich, jemanden zu treffen, der mit mir über Musik sprach, der verstand über die spirituellsten Themen zu sprechen, und der mir vorsichtig und sanft half, mich führte, aufs Neue an das Leben, an das wahre Leben zu glauben.“ (Dabei war Franz gerade erst 19 Jahre alt.)

Am 23. Juni 1945 schrieb dieselbe junge Frau aus Graz einen Brief an eine Freundin: „Liebe Käthe, Mutter und ich sind nun in Graz, umsorgt von Onkel und Tante, die Schwester meiner Mutter. Wolkersdorf war der Wendepunkt, an dem sich unsere Lage aufzutun begann. Da führte Franz Kuno von Steindl-Rast von der Katholischen Jugendorganisation das Wunder herbei, welches uns erlaubte, wieder an die Menschheit zu glauben. Er und seine Freunde versorgten uns nicht nur mit Nahrung und Gewand, sondern stellten auch unsere Zuversicht wieder her…Er pflanzte meine Mutter und mich in das Herz seiner Mutter. Nach langem Suchen fanden wir sie endlich in Wien und wir durften Kirschen in ihrem Garten pflücken und essen! Wir „durften“..! In unserem Gespräch mit Frau Elisabeth ging es nicht um die Bedürfnisse und das Elend, vielmehr um die Schönheiten der Natur in ihrem Garten und die positive Seite des Lebens. Ein gläubiges menschliches Wesen ist der beste Doktor für eine verwundete Seele! Der Beginn des Frühlings – des neuen Lebens.“

In diesen Zeilen kann man viele Anzeichen der zukünftigen Arbeit des jungen Franz finden, ein Beweis dafür, dass die Biografie der erste Hinweis zur Theologie ist. Auch in den folgenden Erinnerungen (welche ich von Br. David in einer Email bekam) erhaschen wir einen Blick in seine Zukunft. Sie zeigen seine wachsende Reaktion auf Ungerechtigkeit und seine Fähigkeit, flexibel und rasch auf die komplexe Situation zu antworten, die ihn erwartete, als er endlich zu seinem Kunststudium zurückkehren konnte: „Als der Krieg vorbei war, kamen alle grossen Nazis ungeschoren davon, aber mein Professor wurde zum Sündenbock gemacht, weil er, um seine Haltung zu tarnen, der Partei beigetreten war. Mit gebrochenem Herzen trat er von der Akademie zurück. Ich konnte keinen anderen Lehrer finden, den ich mochte, denn zu dieser Zeit galt mein Hauptinteresse dem Portraitieren. So wechselte ich zum Restaurieren und wurde Schüler von Robert Eigenberger.“

Von da an begann sich Franz für primitive Kunst und Kunst von Kindern zu interessieren, auch wenn er sich immer mehr der Psychologie und der Anthropologie zuwandte. 1952 promovierte er in Psychologie. „Zu dieser Zeit versuchten wir aus der Psychologie eine exakte Wissenschaft zu machen, so wissenschaftlich wie nur möglich. Wir waren keine „Couch-Psychologen“, sondern die Typen von Forschern, die mit Ratten im Labor arbeiteten. Alles musste gemessen werden. Dem galt auch mein Interesse.“

Dieses Interesse an Kunst und Psychologie sollte Franz auch in seinen nächsten Lebensabschnitt einflechten, als er nach seiner Ausbildung und nach seinem Umzug in die USA Mönch wurde.

Auch heute noch betont Br. David die Wichtigkeit von Kunst und Psychologie, wenn er sagt, dass er zwar „das kreative Zusammenspiel von Entdeckung und Erkennen“ (Joseph Campbell) anerkennt, aber für ihn „die höchste Kreativität in der Kunst darin besteht, den selben Impuls, der Iris wachsen lässt und Schildkrötenpanzer und die Spiralgalaxie, durch die Hände fliessen zu lassen.“ Aber er fügt hinzu: „Das setzt einen hohen Grad an Selbstlosigkeit voraus. Vieles, was sich heute Kunst nennt, sieht für mich eher wie ein Zur-Schau-Stellen des Egos aus, angekurbelt durch kommerzielle Interessen. Zusammen mit meinem wachsenden Verlangen, auf dieser Erde nur minimale Fussabdrücke zu hinterlassen, hat dies dazu beigetragen, dass mein Streben nach künstlerischer Betätigung abnahm. Auch in dieser Hinsicht ist die Musik die Königin der Künste… ich singe gern – mit oder ohne Stimme!“

Diese Liebe zur Musik spiegelt sich auch in Br. Davids Buch „Musik der Stille“ (1998). Auch die Website www.gratefulness.org, welche von ihm 2000 mitbegründet wurde – eine Fundgrube an Weisheiten und schönen Bildern – vermittelt diese Liebe zur Musik durch den Gregorianischen Choral im Portal „Stundenengel“. Diese Website, welche von einer internationalen Non Profit Organisation unterstützt wird, gibt Anregungen, zeigt neue Reichweiten auf und „bietet Möglichkeiten an für ein Leben in der sanften Kraft der Dankbarkeit, das ermutigt, Beziehungen versöhnt und unsere Erde heilt.“ Eines der beliebtesten Angebote auf dieser Website ist  „Zünde eine Kerze an“, um mit Freunden und Familie zu trauern oder zu feiern. Bis jetzt haben mehr als 7 Millionen Menschen aus 242 Ländern und Gebieten solche Botschaften verschickt, begleitet von Kerzen, die in den Cyberspace hinein leuchten – eine Zahl, die stetig wächst (2012 waren es bereits 14 Millionen Kerzen.)

Teil 2: Auf den Ruf antworten

barn, Mt. Saviour

Nachdem Br. David an der Universität Wien in Psychologie und Anthropologie als Nebenfach promoviert hatte, folgte er seiner Familie in die USA nach und trat 1953 „plötzlich“ der Benediktinergemeinschaft des Klosters Mount Saviour bei (in der Nähe von Elmira im Staate New York), wo er heute als Seniormitglied lebt. Während diese plötzliche Wende in seinem Lebenslauf einige Menschen überrascht haben mag, erklärte Br. David später, dass er immer gespürt hatte, dass dieser Umzug zu seiner Familie in New York zum Teil ein „Davon rennen vor der monastischen Berufung“ gewesen sei. Obwohl er sich schon in Österreich die Frage gestellt hatte, was zuerst kommen würde „das rechte Mädchen oder das rechte Kloster“ – und Mädchen gab es in Fülle – fühlte er, dass die damaligen österreichischen Klöster mit ihren Schichten von verkrusteten Traditionen die ursprüngliche Lehre des hl. Benedikt beinahe erstickt hatten.

Der Ruf nach einem monastischen Leben war klar lebendig geblieben. Als er in New York darauf aufmerksam gemacht wurde, dass es in Elmira ein neu gegründetes Kloster gäbe, das sich sich genau an die ursprüngliche Regel hielte, nahm Franz sogleich den nächsten Bus, um es sich anzusehen. Er erinnert sich, wie er in dieser Stadt auf der Suche nach einem grossen Klostergebäude umher wanderte und die Leute nach dem Weg fragte. Diese schauten ihn verblüfft an, bis jemand schliesslich ausrief: „Meinen Sie die Mönche?“ Tatsächlich hatte er sie nicht gefunden, weil sie in einem – Bauernhaus lebten. An diesem Nachmittag, als Franz mit einem der Brüder den Boden bearbeitete, fasste er seinen Entschluss, überzeugt, dass diese Gemeinschaft sich wirklich der ursprünglichen Vision des hl. Benedikt verpflichtet hatte. Er kehrte gleich nach Hause zurück, wo seine Mutter in Tränen ausbrach, als sie sein leuchtendes Gesicht sah, das ihr sagte, dass er sie bald verlassen würde. Und wirklich trat Franz kurz danach in den Orden ein und setzte seine Studien als Bruder David fort.

In diesem schnellen, aber so sicher gefällten Entscheid erkennen wir wieder die schnell reagierende Art von Franz, wenn er vor einem neuen Abenteuer steht. Und diese neue Zusage wurde noch gestärkt, als er hörte, dass Pater Damasus Winzen, der Gründer von Mount Saviour, bemerkt hatte, dass „das katholische Priestertum historisch gesehen eine anachronistische Verlängerung des Priestertums des Alten Testaments ist, welche die frühe Kirche durch Christus als haltlos ansah“ und, dass seine Vision von Mönchen die war, dass sie als „Nachfolger der prophetischen Abstammung“ dienten. Und tatsächlich, bevor Franz ins Kloster ging, widmete er seinem Bruder Max ein Buch mit den Worten „Von deinem antiklerikalen Bruder, der Mönch wird.“ Noch heute weist Br. David darauf hin, dass viele Mönche den Klerus als „Organisationsmenschen“ betrachteten und sich selbst als die „loyale Opposition“. Er erzählt, dass Pater Winzen selbst für den Klerus das Bild von „Karpfen im Teich“ brauchte und für die Mönche das Bild von „diesen Hechten, die man in den Karpfenteich tut, damit sie die Karpfen umher jagen, damit kein Moos auf ihren Köpfen wächst!“ Kurzum, Br. Davids forschender Geist ruht nie. Wie dies kürzlich auch seine Antwort auf die Frage nach seiner spirituellen Lektüre zeigte: „Zuoberst auf meiner Liste stehen wissenschaftliche Bücher. Und ich betrachte die Wissenschaft als eine zeitgemässe Form einer „Entdeckungsfahrt in Gott.“ Kein falscher Gegensatz zwischen Wissenschaft und Religion für Br. David!

Vielleicht zusätzlich zu dieser Neugier und Offenheit für Überraschung ist Br. Davids Offenheit, die von seiner Achtsamkeit herrührt, seiner Fähigkeit, die Fülle des Lebens zu erfahren. Jede Erfahrung befruchtete die Keime seiner wachsenden Dankbarkeit für die wunderbare Gegebenheit von allem, was ist. „Sein“ bedeutete für Br. David immer „Werden“. Und eines seiner charakteristischen Merkmale ist seine kindliche Freude an Überraschungen. Ende 2008, als er (mit 82) soeben von Einkehrtagen in der Sahara zurückgekommen war, lautete sein verschmitzter Kommentar: „Etwas, womit ich in meinem Leben nie gerechnet hatte, war auf einem Kamel zu reiten – und nun bin ich sogar auf mehreren geritten!“

Teil 3: Monastische Öffentlichkeitsarbeit

peace, Thich Nhat Hanh, Br. David

Im Rahmen seiner weiteren Studien bekam Br. David (1958-59) ein Post-Doktoranden-Stipendium an der renommierten Cornell Universität (City of Ithaca, N.Y.) und wurde hier zum ersten katholischen Dozenten, der in der Nachfolge von Paul Tillich und Bischof J.D.R. Robinson die Thorpe-Dozentur innehatte.

Nach 12 Jahren monastischer Ausbildung, philosophischer und theologischer Studien begann Br. David auf Bitten seines Abtes in den Sechziger Jahren an Universitäten und anderen Orten Vorträge über das monastische Leben zu halten. Weiter forderte der Abt ihn auf, den neu entstehenden buddhistisch – christlichen Dialog zu erforschen. (Denselben Auftrag erhielt er 1966 auch von der römischen Glaubenskongregation.) Es waren wahrlich arbeitsreiche Tage.

In dieser Zeit traf Br. David auch Thich Nhat Hanh, den vietnamesischen Buddhisten, und Thomas Merton, den katholischen Trappisten, die sich leidenschaftlich für den Frieden einsetzten. 1995 bat Thich Nhat Hanh Br. David ein Vorwort für sein Buch „Living Buddha, Living Christ“ (“Lebendiger Buddha, lebendiger Christus“) zu verfassen. Darin schreibt Br. David von der Bedeutung des Privilegs, Thich Nhat Hanh, diesen bekannten Thây-Lehrer kennen gelernt und in ihm einen Bruder im Geiste erkannt zu haben.

Vielleicht weniger dramatisch und intellektuell, aber sicher physisch sehr fordernd, war seine Teilnahme an zahlreichen Zen Retreats. Br. David half auch mit, das „Zen Mountain Center“ in Tassajara Springs in den Hügeln des Carmel Valley (Kalifornien) zu gründen. Nachdem dieser Ort während mehr als 100 Jahren ein Thermalbad gewesen war, wurde er 1966 vom „San Francisco Zen Center“ gekauft. Im Nachwort zu einer Sammlung von Essais mit dem Titel „Benedict’s Dharma: Buddhists Reflect on the Rule of St Benedict“ (2001) erzählt Br. David einen „überraschenden kleinen Vorfall“ in Tassajara, der zeigt, wie schnell Brücken zwischen Ost und West gebaut werden können:

washing, monk

„Während einer der ersten Probezeiten in Tassajara in der kalifornischen Wildnis Los Padres war ich Tellerwäscher. Es war die Zeit, wo wir immer noch ausprobierten, wie dieses „Zen Mountain Center“ praktisch zu führen sei. Die Teller von vielen Studenten mussten draussen an der heissen Quelle von Hand abgewaschen werden und wurden dann in improvisierten Gestellen aufbewahrt. Als ich gebeten wurde, Anweisungen für meinen Nachfolger aufzuschreiben, tat ich dies und fügte hinzu: Bodhidharmas Zeitgenosse, der hl. Benedikt, der Vater des abendländischen Mönchstums, schreibt in seiner Regel, nach der wir leben, dass in einem Kloster Töpfe und Pfannen genauso ehrfürchtig behandelt werden sollen wie die sakralen Altargefässe. Als ich einige Monate später einen Hindu Ashram im Staate New York besuchte, wurde ich gefragt: „Bist du Bruder David der Tellerwäscher? Wir haben dein Zitat aus der Benediktsregel über dem Abwaschbecken in unserer Küche aufgehängt.“ So war also ein kleiner Abschnitt, welcher auf den heiligen Boden hinwies, den wir teilen, in kürzester Zeit quer durch den Kontinent und von Buddhisten zu Hindus gereist.“

Über die Jahre hatte Br. David viele Zen-Lehrer, darunter Hakkuun Yasutani Roshi, Soen Nakagawa Roshi, Shunryu Suzuki Roshi und Eido Shimano Roshi. 1968 gehörte Br. David zu den Mitbegründern des „Center for Spiritual Studies“ und 1975 wurde er für die Brücken, welche er zwischen den verschiedenen Religionen gebaut hatte, mit dem „Martin Buber Preis“ ausgezeichnet. 1996 diente er als Moderator beim „Gethsemani Treffen“. Im Vorwort des gleichnamigen Buches über diese Zusammenkunft betont S.H. Dalai Lama den enormen Wert solcher Treffen:

„Ich glaube, dass es äusserst wichtig ist, dass wir unser Verständnis über die spirituellen Übungen und Traditionen der anderen erweitern. Das heisst nicht, sie selbst zu adoptieren, sondern den gegenseitigen Respekt zu vergrössern. Manchmal stossen wir in einer anderen Tradition auch auf etwas, was uns hilft, etwas in unserer eigenen mehr zu schätzen. Es ist meine Hoffnung, dass die Leser in diesem Buch Inspiration und Verständnis finden mögen, die in einer gewissen Weise zu ihrem eigenen inneren Frieden beitragen. Und ich bete, dass sie durch diesen inneren Frieden auch zu besseren Menschen werden und mithelfen, eine glücklichere, friedlichere Welt zu schaffen.“

Das Wahre dieser Überzeugung des Dalai Lama wurde auch in einem Gespräch deutlich, das Br. David mit Thomas Merton führte. Er hatte ihn gefragt, ob er die christliche Glaubenslehre in dieser neuen, tieferen oder vollständigeren Art wie er sie hatte, auch ohne seine Begegnung mit dem Buddhismus hätte vorlegen können. „Gewöhnlich“, sagte Br. David „tat Merton solche Fragen nur mit einem Lachen ab, ohne sie wirklich zu beantworten. Aber in diesem Fall wurde er sehr still und sagte „darüber werde ich nachdenken müssen.“ Fünfzehn oder zwanzig Minuten später kam er zurück und sagte: „Weißt du, ich habe über deine Frage nachgedacht. Ich könnte die christliche Glaubenslehre nicht verstehen so wie ich es tu, wenn es nicht im Licht des Buddhismus wäre.“

Während Thomas Merton und Br. David immer mehr in ihre Aufgabe als aktive Friedensstifter hinein wuchsen, waren beide auch Schlüsselfiguren in der Erneuerungsbewegung des Glaubenslebens. Obwohl beide durch ihre Bücher und Vorträge viele Menschen erreichten, hatte die Arbeit von Br. David wahrscheinlich mehr mit der Bildung von Gemeinschaften zu tun. Er wirkte zum Beispiel bei „The Casa“ mit, dem franziskanischen Zentrum für Erneuerung in Scottsdale (Arizona), das öffentliche Kurse anbot. Eine Teilnehmerin erinnert sich an den „frischen Akzent“ in der Gegenwart und Stärkung durch den Hl. Geist, speziell durch Gesang, Gebet, Eucharistie und Nächstenliebe. Sie erinnert sich, dass ein befreundeter Baptist aus einer streng antiklerikalen Familie immer wieder den Zorn seines Vaters riskierte, weil er zu den Sonntagabend-Treffen ging, ein Zeichen, dass diese wirklich etwas zu bieten hatten.

Br. David wurde auch eine führende Kraft in der Bewegung „The House of Prayers“ (das Haus des Gebets), in welcher Katholiken sich darum bemühten, nach dem II. Vatikanischen Konzil ihren Glauben durch Gebet und andere spirituelle Übungen zu erneuern. Die Idee, welche das Interesse von vielen Menschen entfachte, welche die Zeichen der Zeit erkannten, kam 1965 ursprünglich von P. Bernhard Häring und verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Innert wenigen Jahren wurde sie zu einer internationalen Bewegung. In den USA und in Kanada betraf sie etwa 200’000 Ordensmitglieder und eine unbekannte Zahl von Laien. Diejenigen, welche sich heute noch daran erinnern, sagen, dass der Einfluss dieser Bewegung mehr mit der Tiefe der Erfahrung als mit diesen Zahlen zu tun hatte, so eindrücklich sie auch sind.

Teil 4: Die Antwort: dankbar leben

labyrinth interfatih

Br. David hat ausführlich über universelle Themen geschrieben, indem er spirituelle Themen erforschte, welche die heutige beunruhigte Gesellschaft beschäftigen. Zugehörigkeit, Wahrnehmung und Freude waren für ihn immer die wesentlichen Merkmale von dankbarem Leben gewesen. In seinen Schriften legt er die Dankbarkeit als Hauptthema dar mit all ihren Auswirkungen auf die dringend notwendige globale Ethik. Er betont die Allgemeingültigkeit der Zugehörigkeit als tief menschliches Bedürfnis. Er spricht von der Zugehörigkeit zum Universum, zu unserem „Erd-Haushalt“ (Earth House Hold – ein Ausdruck, der ursprünglich vom Umwelt-Dichter Gary Snider geprägt wurde) mit all seinen summenden und brummenden Geschöpfen und ausnahmslos zu jedem einzelnen unserer Mitmenschen. Als Br. David 1992 in einem Interview gefragt wurde „Was braucht Amerika spirituell?“, antwortete er:

„Was heute für die amerikanische Spiritualität dringend nötig ist, ist das ökologische Erwachen. Das wäre für heute die geeignetste religiöse Geste. Es würde alle Tugenden erfordern, welche Religion bedeuten – Glaube, Hoffnung, Liebe, Opfer – und es ist dringend notwendig. Wenn dieses spirituelle Erwachen nicht stattfindet, sind wir verloren. Das Herzstück jeder religiösen Tradition ist die mystische Tradition. Und Mystik ist die Erfahrung der unbegrenzten Zugehörigkeit. Das heisst: die unbegrenzte Zugehörigkeit zu Gott, wenn Sie diesen Ausdruck brauchen wollen, aber auch zu allen Menschen, allen Tieren, allen Pflanzen; das ist das Herzstück der mystischen Traditi0n. Und da die mystische Tradition im Herzstück der Religion ist, ist der Sinn der Zugehörigkeit sowohl ökologisch als religiös. Und wirklich, wenn wir näher auf unsere Zugehörigkeit eingehen, selbst unter ungünstigen Bedingungen, – solchen wie Br. David sie nennt „wo wir die Folgen tragen müssen bis zu „liebet eure Feinde“ – zitiert er den Autor Elissa Melamed: „Wenn du im selben Boot mit deinem ärgsten Feind sitzen würdest, würdest du dann auf seiner Seite ein Loch bohren?“

„Wahrnehmung“ ist ein weiteres Wort, das auf Br. Davids Eindruck von unserer Welt ein Licht wirft. Er hilft uns – zu sehen! Sein Wahrnehmen ist dynamisch lebendig. In seinen Schriften höre ich den Dichter Gerard Manley Hopkins SJ widerhallen. Da gibt es eine Zeile in einem seiner Gedichte „Erntejubel“ (Hurrahing in Harvest), welches dies gut ausdrückt: „All dies, all dies war da, und nur der Betrachter fehlte.“ Ich entdecke bei Br. David auch ein Erkennen, das aus seinem Vertieftsein in Rainer Maria Rilke (1875 – 1926) kommt, einem seiner Lieblingsdichter. Rilke schliesst seine Leser in sein sinnenhaftes Ausdrücken ein, Dinge zu sehen, sie zu benennen… die gegenseitige Natur unserer Beziehung zu Gott und zum Leben zu erkennen. Mannigfaltig widerhallt bei Br. David Rilkes Liebe zu Dingen dieser Welt mit der Forderung, dass sie, wir, sind, was heilig ist und seiner Fähigkeit, das Heilige im Gewöhnlichen zu sehen:

Nichts war noch vollendet, eh ich es erkannt,
ein jedes Werden stand still.
Meine Blicke sind reif, und wie eine Braut
kommt jedem das Ding, das er will.
(Aus Rilke, Das Buch vom mönchischen Leben, 1. Gedicht, 2. Strophe)

Anita Barrows, die Rilkes Stundenbuch auf amerikanisch übersetzte (und es zusammen mit ihrer Mit-Übersetzerin Joanna Macy „Liebesgedichte an Gott“ nannte), schliesst ihr Vorwort mit Rilkes Aussage, dass es unsere grösste Errungenschaft ist, die Dinge dieser Welt wirklich zu sehen. „Wir sind, weil wir gesehen werden. Wir sind, weil wir geliebt werden. Die Welt ist, weil sie erblickt wird und ins Sein hinein geliebt wird. Ich bin in der Welt, um die Welt zu lieben.“

Br. Davids Antwort auf solche Dichtung spricht seine aufmerksame Einstimmung zum Leben in all seinen Aspekten an. Wenn jede Religion – wie der australische Dichter Les Murray behauptet – ein langes Gedicht ist, dann können eigentlich nur Dichter Theologen sein oder zumindest intuitive fantasievolle Menschen. Könnte die unsystematische Theologie von Br. David eine Wahrheit über den ungeordneten Gott der Überraschungen ans Licht bringen, den lebendigen Gott, so unberechenbar „wie alles ist, was lebendig ist?“

Von den verschiedenen Gedichten, die Br. David geschrieben hat, scheint das eine mit dem Titel „Immer tiefere Wurzeln in der Liebe“ (aus „Gebete für alle Menschen“ gesammelt von Mary Ford Grabowsky) ein Gebet aus seinem Herzen einzufangen:

Immer tiefere Wurzeln in der Liebe
Du, von dem wir kommen
und zu dem wir gehen,
beständige Liebe,
Du gibst uns Zeit für Wandel und Wachsen
in dieser Zeit des grossen Wandels in meinem Leben,
bitte, gib mir den Mut mich zu wandeln und zu wachsen
und Heiterkeit inmitten wachsendem Schmerz.
Lass mich immer tiefere Wurzeln schlagen in die Liebe,
lass mich voll Vertrauen sein ohne festzuhalten
und lass mich voll Vertrauen bleiben beim Loslassen.
In Deine Hände lege ich mein Leben
und das Leben von allen, die ich liebe.
Amen

Sicher ist dies eher ein Gebet als ein Gedicht. Und doch ist Br. David wiederum auf derselben Linie wie Gerard Manley Hopkins und Rainer Maria Rilke. Er hilft uns, mit dem Schauen zu beginnen und zu sehen – Dinge, die schon immer da waren, aber die wir irgendwie nicht sahen. Er schreibt: „Wahre Dichtung öffnet unsere Augen zur Freude des sich Bemühens wie Robert Frost es nennt.“ Und was ist Dankbarkeit anderes als diese spielerische Verabredung mit dem Leben wie es sich in all seinen Herausforderungen und Freuden entfaltet? Br. Davids Gedicht fängt auch die Spannung zwischen den Gegensätzen ein – zwischen vertrauensvoll sein ohne festzuhalten und vertrauensvoll bleiben im Loslassen. So wie Beatrice Brutan geschrieben hat: „Die Interaktionen von Paaren charakterisieren die Vitalität der Welt.“ Und tatsächlich charakterisieren sie den Lebensweg dieses geerdeten Wanderers.

bee, flower

„Freude“ ist ein weiteres Thema, das in Br. Davids Leben und Schriften immer wieder vorkommt. Er erfreut sich an Worten, Farben und Bildern. In seinem Buch „Achtsamkeit des Herzens“ (nur in der amerikanischen Ausgabe von 1999) beobachtet er „wie eine Hummel sich in den seidigen Falten einer Pfingstrose rangelt und purzelt, in vollen Zügen geniessend… mit all ihren Sinnen vertieft in diese Pfingstrosenwelt, zugleich eine lebenswichtige Aufgabe und ein verzücktes Spiel vollbringend.“ Dies gilt auch für Br. David, seine Freude an Wörtern, an der Dichtung, seine Passion für die „Wurzelwahrheit in der Sprache“ – wie Roshi Joan Halifax es nannte – wenn er mit der Bedeutung am Grund der Dinge rangelt, dann ist es wahrhaft beides „lebenswichtige Aufgabe und verzücktes Spiel.“ Dieser Mensch ist heiter verliebt in das Leben. Er erklärt dies so: „Eine gesunde Intuition sagt uns: Freude verdient den ersten Platz und Verzicht ist bloss ein Mittel für grössere, echtere Freude.“

Heute, wo Aktienkurse taumeln und Jobs zu tausenden verloren gehen, ist es nicht ungewöhnlich zu hören, dass über Genügsamkeit in Begriffen einer notwendigen Beschränkung gesprochen wird. Aber zu hören wie Br. David dieses Wort verwendet, ist eine ganz andere Erfahrung. Er spricht mit Freude von Genügsamkeit, fast als könnte er sie schmecken, als eine Qualität, die den Geschmack des Lebens aufwertet so wie Salz unser Essen würzt. Seine Haltung erinnert ein Stück weit an Bernhard von Clairvaux – wenn einer je ein Asket war, dann er – der auf einer Liste der Vorteile des Fastens zuoberst setzte: „Essen schmeckt so viel köstlicher, wenn du hungrig bist.“ Dennoch, an einer Konferenz war Br. David aufrichtig verblüfft zu sehen, dass einige Zuhörer mit Bestürzung auf seine Vorstellung von Genügsamkeit reagierten. Aber könnte diese Bestürzung der Teilnehmer eigentlich ihren eigenen Widerwillen gegen die völlige Selbsthingabe unterstrichen haben, die gefordert ist? Dennoch – ist nicht Selbsthingabe der Weg zur Freude?

Vielleicht war ihre Reaktion ähnlich der von Br. Davids eigener, als er zum ersten Mal nach Synonymen für Askese suchte und nur negative Ausdrücke wie Verleugnung, Busse, Abtötung fand. An diesem Punkt ging er weiter zum Substantiv „Asket“, einzig um festzustellen, dass die Liste der Synonyme in „Selbstpeiniger“ gipfelte. Heute kommt er zum Schluss, dass die Vorstellung von Askese völlig verdreht wurde durch eine ungesunde Haltung gegenüber dem Körper. Er erläutert:

„Im Gegensatz dazu erinnere ich mich dankbar an das Körperbild, mit dem ich aufwuchs. Ein kleines Lied, das ich als Kind gerne hatte, fasst die Wertschätzung des Körpers so zusammen, wie sie mir anerzogen worden war. Es lautete ungefähr so:

Ein Kristall ist deine Seele
erleuchtet von göttlichem Schein.
Für dieses höchst geschätzte Geschenk
ist dein Körper der Schrein.

Häufig besuchten wir, meine Brüder und ich, am Sonntagnachmittag die Schatzkammer der Habsburger in Wien, und wir machten jeweils grosse Augen vor den Schatzkisten, die sogar aussen über und über mit Juwelen verziert waren. Sie prägten meine Vorstellung vom Körper als einen Schrein für die Seele und der ehrfürchtigen Behandlung, die mein Körper verdiente. Dies formte meine eigene Meinung über Askese.“

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Auch in Br. Davids Verständnis der Spiritualität als Lebendigsein – mit Dankbarkeit als Massstab dieses Lebendigseins – können Echos der Freude herausgehört werden. Dieses Thema läuft wie ein roter Faden durch seine Vorträge, ob er nun bei seinen Vortragsreisen durch die fünf Kontinente vor einer kleinen Gruppe oder einer grossen Zuhörerschaft spricht. Heiter gibt er von sich allen Menschen, egal ob die Zuhörer hungernde Studenten in Zaire oder von Fakultäten wie der Harvard oder Columbia Universität sind, buddhistische Mönche oder Sufis oder Papago Indianer oder deutsche Intellektuelle, Besucher von New Age Kommunen oder Seekadetten in Annapolis, Missionare auf den Polynesischen Inseln oder Green Berets (Spezialeinheit der US Army) oder Teilnehmer einer internationalen Friedenskonferenz. Im Oktober 1975 wurde Br. David (in unserem Bild hinten rechts) gebeten, den Schlusssegen bei der fünftägigen Feier zum 35. Geburtstag der Vereinten Nationen zu geben.

Bei Br. David gibt es einen subtilen Unterschied zwischen Begriffen wie z.B. „gratefulness“ und „gratitude“ (die im Deutschen beide mit Dankbarkeit übersetzt werden) und auch zwischen „responsivness“ (Antwortbereitschaft) und „response“ (Antwort). Hier kann der Unterschied am besten verdeutlicht werden mit „einer“ Antwort und „einem sich hingebendem Leben in Antwortbereitschaft“. Br. David beleuchtet auch die verschiedenen Eigenschaften von Lebendigsein, Wachheit und Wachsamkeit. Er betont das dynamische Wachstum durch das „Ja“ zur Zugehörigkeit und spricht von der Wichtigkeit, den Wert auf das Leben selbst zu legen anstatt auf unsere allzu menschliche Tendenz, die Strukturen, welche das Leben schafft, festzuhalten. Seine Worte sind – wie immer – dynamisch:

„Die grosse Gefahr… die Falle, in die man fallen könnte… (ist) sich die höchste Ordnung als statisch vorzustellen; das einzige Bild, das wir letztlich für diese Ordnung finden können, ist der Tanz der Sphären… Wir sind eingeladen, uns einzustimmen auf diese Harmonie, zu der das ganze Universum tanzt… Diese Ordnung ist einfach der Ausdruck der Liebe, die das Universum bewegt. Wie Dante sagt: l’amore che muove il sole e l’altre stelle (die Liebe, welche die Sonne und die anderen Sterne bewegt). Tatsache ist aber, dass währenddem sich das übrige Universum frei und anmutig in kosmischer Harmonie bewegt, wir Menschen es nicht tun… Das Hindernis, welches wir überwinden müssen, ist das Verhaftetsein, sogar das Verhaftetsein mit unserem eigenen Bestreben. Der kompetente Ansatz, das Verhaftetsein in all seinen Formen zu überwinden, ist die Askese. Unser Bild vom Tanz sollte uns helfen, dies zu verstehen. Losgelöstheit, die lediglich ihr negativer Aspekt ist, befreit unsere Bewegungen, hilft uns beweglich zu werden. Die positiven Aspekte von Askese sind Wachheit, Wachsamkeit und Lebendigkeit.“


Aus: David Steindl-Rast, Essential Writings, Orbis Books, NY 10545 © 2010 Clare Hallward and David Steindl-Rast. Die Übersetzung wie die kursiv in Klammern gesetzten Ergänzungen stammen von Eve Landis.